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Projekte : Schattengalerie der Verlustgemälde ///
Phantom Gallery of the Lost Paintings
: Verlorene "Bilder des Monats" : Zeitungsartikel

 

 


Peter Paul Rubens



Das "Bild des Monats" war eine Serie, die zwischen September 2006 und Juni 2007 in der Aachener Zeitung erschien. Die Artikel schildern außergewöhn- liche Geschichten zu einzelnen Verlustgemäl- den oder geben Ein- blicke in die Probleme, die bei der Forschungs- arbeit auftauchen.

 

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Rubens "Ferdinand I."


Aachener Zeitung   16.09.2006

Von Meißen über Kamtschatka bis nach Tel Aviv
Erster Teil der neuen Serie: Die Geschichte des Rubens-Bildes "Ferdinand I.". Für 35000 Mark hätte Aachen es wieder haben können.

Aachen. Kaum zu fassen, welch seltsame und abwegige Elemente zur spannenden Geschichte gehören, die sich um unser erstes "Bild des Monats" rankt: "Kaiser Ferdinand I." von Peter Paul Rubens, eines von zwei Werken des flämischen Meisters aus dem Bestand des Aachener Suermondt-Ludwig-Museums, die seit 1946 verschollen sind. Das Bild entstand 1634 als Studie für einen Antwerpener Triumphbogen. Der erste große Stifter des Museums, Barthold Suermondt, kaufte das Bild circa 1880 auf seiner Reise nach Warschau. 1882 schenkte er es dem Aachener Museum. Peter van den Brink hat die Korrespondenz um das Werk gründlich sortiert.

Brief des Ministeriums

Die seltsame Geschichte beginnt am 11. Juni 1971, als Museumsdirektor Hans Feldbusch Post bekommt vom Bundesminister des Inneren. Rubens’ "Ferdinand I.", heißt es, sei bei dem israelischen Kunsthändler Harry Stern aufgetaucht, der es über die deutsche Botschaft in Israel Aachen zum Kauf anbietet für 45000 Israelische Pfund, umgerechnet 35000 Mark. In der weiteren Korrespondenz behauptet Stern, das Werk 1944 einem jüdischen Einwanderer abgekauft zu haben, was nicht stimmen kann, da es sich da noch in Meißen befand. Feldbusch sucht Geld zum Ankauf, findet aber keine Geber, erhebt aber schriftlich Anspruch auf das Bild. 
Er nimmt Kontakt auf mit dem Rubenskenner John Rupert Martin in Princeton, dessen Universität das Werk kaufen will. Es war Princeton von Stern angeboten worden. Princeton zieht sich aber zurück, nachdem Aachen den Anspruch weiterhin aufrechterhält. Stern versucht es daraufhin bei Christie’s in London an den Mann zu bringen, Feldbusch erfährt davon und macht die Provenienz weithin publik. Christie’s wird das Bild daraufhin nicht los, kein einzige Käufer ist an "Beutekunst" interessiert. Doch das Auktionshaus gibt das Bild Aachen nicht zurück. Christie’s behauptet schlicht und ergreifend, der Anspruch Aachens sei nicht gerechtfertigt. Immerhin: Rubens-Experte Martin bestätigt die Echtheit des Bildes.
1975 bietet Stern das Bild Aachen wieder an. Der Preis ist enorm gestiegen: Er verlangt 90000 Schweizer Franken. Die Stadt lehnt ab, bietet zwei Jahre später 15000 Mark. Stern ist verärgert. Der Kontakt bricht für eine Weile ab, bis er sich 1983 bei Feldbuschs Nachfolger, Ernst Günther Grimme, wieder meldet. Diesmal will er nicht nur 90000 Schweizer Franken, sondern zusätzlich 75000 Franken Schadensersatz. Und er verlangt, dass die Stadt das Bild entweder kauft oder auf ihren Anspruch schriftlich verzichtet. Der Aachener Rechtsdirektor Graf setzt daraufhin ein merkwürdiges Schreiben auf: Er fordert Stern auf, eine Summe zu nennen, die er bereit wäre zu zahlen, wenn Aachen den Anspruch auf das Bild aufgeben würde. Doch dieser "Handel" kommt nicht zustande, der Kulturausschuss pfeift Graf in letzter Minute zurück.

Neuerliche Abfuhr

Stern reagiert auf die neuerliche Abfuhr verärgert und gibt der "Welt" ein Interview. Erstmals macht er dabei offenbar, wie er an den Rubens gelangt sein will. Er habe das Bild angeblich einem russischen Einwanderer namens M. Chaitan abgekauft, der es wiederum in Kamtschatka erworben haben will, ohne die tatsächliche Herkunft des Bildes zu kennen. Stern hat 1972 angeblich 10000 Dollar an Chaitan gezahlt. Das Bild befinde sich in einem Safe in Tel Aviv. Er droht Aachen mit einer Klage wegen Erpressung, Verleumdung, Geschäftsschädigung, doch bei der Drohung bleibt es. 
1985 versucht Stern, das Bild von seiner Wiener Galerie aus zu verkaufen, ein New Yorker Kunsthändler fragt in Aachen nach, ob die Stadt immer noch Anspruch auf den Rubens erhebe. Grimme bestätigt das, der Verkauf kommt nicht zustande. 1986 stellt Prof. Dr. Gerhard Kegel in einem Rechtsgutachten fest: "Obwohl der Fall nicht spruchreif ist, ergibt eine umfängliche Vorprüfung, dass die Stadt Aachen gute Aussichten hat, die Herausgabe des Rubens-Bildes gerichtlich durchzusetzen." Im gleichen Jahr teilt Sterns Hamburger Anwalt der Stadt mit, dass Stern das Bild in den USA schätzen ließ. Ergebnis: 200 000 Dollar.
Vier Jahre später: Stern verlangt jetzt von Aachen nicht nur 300 000 Dollar, sondern zusätzlich auch noch eine Million Dollar Schadensersatz. Stern hat das Bild mittlerweile in Wien restaurieren lassen. Der Kulturausschuss fordert die Verwaltung auf, weiter mit ihm zu verhandeln und die Möglichkeit einer Identifizierung des Bildes zu verlangen. 1991 geht Stern zum ersten Mal auf diese Forderung Aachens ein. Es kommt zur Begegnung in Zürich. Ulrich Schneider, Nachfolger von Grimme, bekommt das Bild in einer Bank zu Gesicht. Siehe da: Es entspricht nicht der Foto-Abbildung des Museums. Die Nische, in der "Ferdinand I." steht, ist auf dem Bild verschwunden. Schneider schließt in seinem Protokoll nicht aus, dass es sich um ein anderes Bild handelt. Ein Münchener Gutachter wird hinzugezogen, der das Bild indessen für echt hält und es auch als das Aachener identifiziert. Besagte Nische soll später hinzugemalt worden sein und nicht von Rubens gestammt haben, deshalb sei sie bei der Restaurierung des Bildes in Wien entfernt worden sein. Der Gutachter hält Sterns neuerlichen Preis von 300000 Dollar für zu hoch.

Auf dem Schwarzmarkt

1995 wird das Bild wieder bei einem Londoner Auktionshaus angeboten. Ein Clemens Toussaint, Kunstdetektiv, meldet sich und behauptet, Informationen über das Bild zu haben. Danach soll es 1963 im Gepäck eines sowjetischen Emigranten in Tel Aviv aufgetaucht sein, und 1959 soll das sowjetische Innenministerium ein Pendant des Werks, das ebenfalls aus Aachen stamme, auf dem Schwarzmarkt beschlagnahmt und dem Puschkin-Museum zugeführt haben. Es betreffe das andere verschollene Aachener RubensBild, die gemalte Statue Albrechts II. Die Geschichte endet 1996, als das Bild einer Sammlerin in Wien für fünf Millionen Schilling angeboten worden sein soll. Danach ist es verschollen. Seither herrscht Funkstille. (eho)

 

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