Suermondt-Ludwig-MuseumLogo Suermondt-Ludwig-Museum

Projekte : Schattengalerie der Verlustgemälde ///
Phantom Gallery of the Lost Paintings
: Verlorene "Bilder des Monats" : Zeitungsartikel

 

 


Balthasar van der Ast



Das "Bild des Monats" war eine Serie, die zwischen September 2006 und Juni 2007 in der Aachener Zeitung erschien. Die Artikel schildern außergewöhn- liche Geschichten zu einzelnen Verlustgemäl- den oder geben Ein- blicke in die Probleme, die bei der Forschungs- arbeit auftauchen.

 

19_Balthasar_van_der_Ast
Balthasar van der Ast "Blumenstilleben"


Aachener Zeitung   11.10.2006

Eine Fliege ist der Schlüssel des Rätsels
Zweiter Teil unserer Serie "Das Bild des Monats": Die Geschichte des Stilllebens "Blumenstrauß in Vase". Auf der Tefaf entdeckt.

Von Peter van den Brink

Aachen. Balthasar van der Ast: "Blumenstrauß in Vase". Dieses kleine Stilleben mit einem Blumenstrauß in einer chinesischen Wan-Li-Vase ist wohl einer der bekanntesten Kriegsverluste Aachens. Das unten links signierte Holztafelgemälde kam 1910 als Vermächtnis von Adèle Cockerill in die Sammlung des Suermondt-Museums, deren Bildnis heutzutage neben dem ihres Ehemannes Barthold Suermondt im Foyer des Suermondt-Ludwig-Museums hängt. Das Bild kann um 1623 datiert werden. 
Das Werk wurde 1942 wie auch die Mehrzahl der Aachener Gemälde in die Albrechtsburg in Meißen ausgelagert, kehrte aber 1961 nicht wie das Gros der Bilder aus dem Besitz des Suermondt-Museums nach Aachen zurück. War es von den Sowjettruppen verschleppt oder vielleicht direkt nach 1945 von Dieben aus dem Depot gestohlen worden? 1955 taucht ein sehr ähnliches Gemälde in einem Aufsatz des Stillleben-Kenners Laurens J. Bol in der Zeitschrift "Oud Holland" auf. Dieses Werk ist damals im Besitz des holländischen Sammlers Sydney J. van den Bergh, dem Gründer von Unilever NV in Rotterdam, wo es bis zu seinem Tod 1972 verbleibt. Es wird anschließend über einen Kunsthändler in Den Haag an einen Sammler in New York verkauft, wo es sich noch immer befindet. 

Brief aus Den Haag

Am 22. Oktober 1997 richtet der Stillleben-Spezialist Fred G. Meijer vom Rijksbureau voor Kunsthistorische Documentatie in Den Haag ein Schreiben an das Suermondt-Ludwig-Museum, in dem zum ersten Mal behauptet wird, dass das Aachener und das New Yorker Stilleben identisch sind! Merkwürdigerweise unternimmt das Museum darauf keine Initiative zur Rückerlangung, möglicherweise aufgrund der Erfahrungen mit dem unglücklichen Verhandlungsverlauf im Fall des gestohlenen und wieder im Kunsthandel aufgetauchten Peter Paul Rubens vier Jahre zuvor (siehe Bild des Monats September). 
Dann, Anfang 2004, taucht das Bild aus New York plötzlich am Stand eines Kunsthändlers bei der großen Kunstmesse Tefaf in Maastricht auf. Der Blumenstrauß wird einige Tage vor der Eröffnung der Messe von Mitarbeitern des Art Loss Register in Köln und London als das möglicherweise verschollene Bild des Suermondt-Ludwig-Museums erkannt: Ulli Seegers, Geschäftsführerin des Art Loss Register Köln, nimmt am 3. März direkt Kontakt mit Sylvia Böhmer im Suermondt-Ludwig-Museum auf, um genauere Angaben zu erbitten. In Aachen wird diesmal blitzschnell reagiert, und die Mitarbeiter von Art Loss Register konfrontieren den Händler mit den zur Verfügung gestellten Angaben. Dieser lehnt aber die Identifizierung des von ihm zum Verkauf angebotenen Bildes mit dem Aachener Verlustgemälde ab und argumentiert, dass es sich um zwei sehr ähnliche, aber dennoch unterschiedliche Fassungen handle.
Der Händler verweist dabei auf zwei Details. In der linken oberen Ecke ist auf dem New Yorker Bild eine Fliege abgebildet. Diese sei auf dem Fotoabzug des verschollenen Aachener Bildes nicht zu erkennen. Weiterhin sollte es kleine Unterschiede in der Signatur geben. Genaue Vergleiche zeigen aber, dass auf dem alten Glasnegativ des Aachener Verlustbildes die Fliege doch, wenn auch nur schwer, zu erkennen ist.
Die Signaturen sind nahezu vollkommen identisch. Die einzige Abweichung besteht in einem Punkt am Anfang des Schriftzuges, das auf dem New Yorker Bild nur mit Mühe wieder zu erkennen ist, jedoch schlicht und einfach das Resultat einer Restaurierung ist. 
Natürlich stellt sich die Frage: Wie ist das Aachener Bild 1955 in den Besitz des Sammlers Sydney van den Bergh gekommen, und warum ist erst 1997 - von Fred Meijer - der Zusammenhang festgestellt worden? Was passierte nach 1942, als das Stilllebenbild Balthasar van der Asts von Aachen nach Meißen überführt wurde? Wie schon Felix Kuetgens, der ehemalige Direktor des Suermondt-Ludwig-Museums, in seinem Bericht vom 5. Oktober 1962 beschrieben hat, war die Auslagerung der Aachener Kunstwerke ein richtiggehendes Chaos. Obwohl die Amerikaner, so meint Kuetgens, früher in Meißen waren als die Sowjet-Truppen, wurden die Bilder aus dem Meißener Depot nicht von ihnen nach Aachen zurückgeführt, sondern den Sowjet-Truppen überlassen. Angeblich wurden 1951 acht Gemälde, die in Meißen deponiert waren, von einer Dame namens Alice Siano bei ihrer Übersiedelung nach Kanada "mitgenommen". Zwei davon konnten 1954 bei einem New Yorker Kunsthändler nachgewiesen werden.
1942 nach Meißen abtransportiert, zwischen 1945 und 1951 aus der Albrechtsburg gestohlen, 1951 nach Kanada ausgeführt, im Besitz von Alice Siano, 1954 Victor Spark in New York angeboten und an ihn verkauft und schon ein Jahr später wieder zurück in Europa - in Wassenaar bei Sidney J. van den Bergh. Um diese Wege zu verifizieren, wird es notwendig sein, die Auslagerungslisten wie auch das Dossier über Frau Siano und die nach Kanada abtransportierten Bilder noch einmal genau zu überprüfen und letztendlich auch das Victor-Spark-Archiv in Washington nach Herkunftsangaben zu durchforsten.
Es ist selbstverständlich, dass die Stadt Aachen ihren Anspruch auf das Bild von Balthasar van der Ast weiter aufrechterhält. Unbeschadet der Tatsache, dass der heutige Eigentümer das Gemälde völlig legitim gekauft hat und nicht wissen konnte, dass es aus Aachen kam, soll jeder zukünftige Käufer - falls es zum Verkauf angeboten wird - wissen, dass es sich hier um Beutekunst handelt.
(Der Autor ist der Direktor des Aachener Suermondt-Ludwig-Museums.)

 

spacer spacer spacer spacer spacer spacer spacer
 
spacer spacer spacer spacer spacer