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Projekte : Schattengalerie der Verlustgemälde ///
Phantom Gallery of the Lost Paintings
: Verlorene "Bilder des Monats" : Zeitungsartikel

 

 


Willem Key



Das "Bild des Monats" war eine Serie, die zwischen September 2006 und Juni 2007 in der Aachener Zeitung erschien. Die Artikel schildern außergewöhn- liche Geschichten zu einzelnen Verlustgemäl- den oder geben Ein- blicke in die Probleme, die bei der Forschungs- arbeit auftauchen.

 

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Aachener Zeitung   Bild des Monats November 2006

Willem Key – Bildnis der Margret Halseber

Von Anna Koopstra

Das Bild dieses Monats bildet eine Ausnahme in Bezug auf die zwei, in vorangegangenen Ausgaben dieser Serie vorgestellten Gemälde von Peter Paul Rubens und Balthasar van der Ast. Es handelt sich hier nämlich nicht um einen unmittelbaren Nachkriegsverlust (1945/46) - wie dies bei der Mehrzahl der vermissten Aachener Werke der Fall ist. Dieses Porträt ging vielmehr 1972 bei einem Diebstahl im Aachener Museum verloren.
Das ältere, etwas eingefallene Gesicht der nach links gewendeten Dargestellten mit spitzer Nase, Oberlippen-, Wangen- und Kinnbart scheint darauf hinzuweisen, dass hier ein Mann abgebildet wurde. Es handelt sich jedoch um das Porträt einer Frau, die an verstärktem Haarwuchs, sogenanntem Hirsutismus litt, der durch eine Störung der Sexualhormone verursacht wurde. Die Inschrift, die sich in der Bildfläche links oben befindet, benennt die Dargestellte als ‚Margret Halseber’, von der man bislang nur weiß, dass sie wohl aus Basel stammte.
Ihr Name wurde zwar auf diese Weise dokumentiert, das Porträt selbst jedoch nicht vom Künstler signiert. Es bleibt deshalb die Frage unbeantwortet, wer das Werk schuf. Im Gemäldekatalog von 1882 wird das Porträt Anthonis Mor van Dashorst (1519-1576) zugeschrieben, einem Utrechter Maler, der 1547 nach Antwerpen übersiedelte. Aufgrund seiner guten Kontakte zum Habsburger Hof in Brüssel konnte Mor in Italien, Portugal und den Niederlanden arbeiten, wo er viele Porträts von wohlhabenden Bürgern oder sonstigen, dem Hof verbundenen Personen malte. 1931 behauptete Dimier, dass sich laut eines alten Inventares im Palais de Granvelle zu Besançon das Porträt einer Frau mit Bart befunden habe. Da es sich um ein besonders auffälliges Sujet handelt, nahm Dimier an, dass das beschriebene französische Exemplar identisch mit dem Aachener Porträt sei. Als Autor des Werkes wurde aber ein anderer Maler als Mor angeführt: Willem Key (1515/16 -1568), der 1542 Freimeister in Antwerpen wurde. Auch Key war ein sehr gefragter Porträtmaler. Die Bildnisse von Key sind stilistisch sehr nahe an denen von der Hand des Anthonis Mor, der um die gleiche Zeit tätig war. Zusätzlich verkompliziert wird die Zuschreibung durch die Tatsache, dass auch sein Neffe Adriaen Thomasz Key (ca. 1544 - nach 1589) stilistisch sehr ähnliche Porträts schuf.
Das gegenständliche Bildnis war Teil der Sammlung Barthold Suermondts und gelangte anlässlich seiner Stiftung 1882 in das neu gegründete Suermondt Museum. Bis 1876 hatte es sich in der Sammlung des Aachener Sammlers Johann Heinrich Beissel befunden. Seine Kollektion enthielt viele hervorragende Stücke, wie z.B. das Gemälde von Cornelis Engebrechtsz, das sich ebenfalls im Suermondt-Ludwig-Museum befindet, aber auch ein Stillleben Willem van Aelsts, das heute im Prado in Madrid aufbewahrt wird. Wo Beissel das Porträt kaufte, ist und bleibt wahrscheinlich ungeklärt.
Am 6. Juni 1972 stellte laut Akten ein Aufseher gegen 13.15 Uhr fest, dass das Gemälde aus einem der Räume in der Galerie gestohlen worden war. Er gab an, von einem lärmenden Besucher in einem anderen Raum abgelenkt worden zu sein. Dabei hatte der Aufsichtsbeamte – so berichtete auch die Aachener Volkszeitung vom 8. Juni 1972 - mit diesem Besucher einen Disput geführt und daraufhin kurz seinen Platz verlassen, um den Vorfall im Sekretariat zu melden. Wieder zurück in der Galerie, entdeckte er das Fehlen des Gemäldes. Beim Diebstahl wurde das Bild einfach aus dem Zierrahmen genommen, der sich noch an der Wand befand. Dieses Detail ist sehr auffällig, bedeutet es doch, dass der Dieb genügend Zeit und Nerven hatte, das Holztafelgemälde mitsamt dem Rahmen von der Wand zu nehmen, um die rückseitigen Halterungen zu lösen, und anschließend wieder an die Wand zu hängen. Dass diese Methode nicht ungewöhnlich war, zeigt das Schicksal eines Gemäldes von Barent Gael einige Jahre später, das am 25. Januar 1978 in gleicher Weise aus dem Rahmen gelöst und tagsüber aus der Galerie des Aachener Museums entwendet wurde. Begünstigt wurde der Diebstahl in beiden Fällen durch die kleinen Abmessungen der Gemälde (die des Porträts betragen nur 35 cm x 27 cm), die es einer einzelnen Person ermöglichte, sie unbemerkt aus dem Gebäude zu tragen. Obwohl das Porträt Margret Halsebers in den folgenden Jahren einige Male als gestohlenes Gut veröffentlicht wurde, ist es bisher nicht mehr aufgetaucht.
Der Kuriosität der Darstellung ist vermutlich zu verdanken, dass mindestens noch zwei weitere Versionen dieses Porträts von Margret Halseber existieren: eine befindet sich in der Alten Pinakothek in München, eine andere wurde 1979 versteigert (der jetzige Aufenthaltsort ist unbekannt). In letzterem Fall handelt es sich ohne Zweifel um eine andere, d.h. dritte, Version, da diese bis zur Versteigerung 1979 in New York war und deren Besitzer sie schon 1957 erwarb.
Das Aachener Gemälde könnte also ohne weiteres wieder im Kunsthandel auftauchen. Bislang war es nicht möglich, den momentanen Aufenthaltsort ausfindig zu machen. Auch den Kollegen vom Art Loss Registers, wo es als gestohlen registriert wurde, ist es noch nicht gelungen. Falls eine Version desselben Bildthemas auf den Markt kommen sollte, könnten sich Details als wichtige Identifizierungsmerkmale herausstellen: Wir wissen z.B. von der frühesten bekannten Provenienz, der Sammlung Beissel, dass alle Bilder dieser Kollektion auf der Rückseite das rote Siegel der Familie tragen. Auch diverse Aufschriften oder Aufkleber (Zahlen, Vermerke) des Suermondt-Museums müssten auf der Rückseite zu finden sein, vorausgesetzt, dass solche Dokumente (wie bei dem Gemälde von Van der Ast geschehen) nicht mit Absicht entfernt wurden, um die Spuren der Herkunft zu verwischen. Es bleibt uns also nur zu hoffen, dass das Porträt irgendwann wieder zum Vorschein kommt, und wenn, dass es dann dank der Bearbeitung und Veröffentlichung der Aachener Gemälde-Verluste im Verlustkatalog als gestohlen erkannt und zurückgeführt werden kann.
(Die Autorin ist Mitarbeiterin des Suermondt-Ludwig-Museums.)

 

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