Suermondt-Ludwig-MuseumLogo Suermondt-Ludwig-Museum

Projekte : Schattengalerie der Verlustgemälde ///
Phantom Gallery of the Lost Paintings
: Verlorene "Bilder des Monats" : Zeitungsartikel

 

 


Andreas und Oswald Achenbach



Das "Bild des Monats" war eine Serie, die zwischen September 2006 und Juni 2007 in der Aachener Zeitung erschien. Die Artikel schildern außergewöhn- liche Geschichten zu einzelnen Verlustgemäl- den oder geben Ein- blicke in die Probleme, die bei der Forschungs- arbeit auftauchen.

 

1545_A_Achenbach__Fisch-_Kutter_in_der_Brandung
Andreas Achenbach "Fischkutter in der Brandung"


Aachener Zeitung   16.02.2007

Drei Fotos sind zum Glücksfall geworden
Die Achenbach-Werke

 Von Martina Dlugaiczyk

Aachen. "Sind die Gemälde noch vorhanden?" Eine Frage, die vermutlich nach Kriegsende jeden Kunstliebhaber und Sammler beschäftigt haben dürfte. So auch Wilhelm Rombach, der als Oberbürgermeister der Stadt Aachen im August 1945 um Nachforschungen bezüglich der sich im Besitz des Suermondt-Museums befindlichen Achenbach-Gemälde ersuchte. Dabei handelte es sich um zwei Werke von Andreas Achenbach - nämlich "Antwerpen von der Schelde gesehen" sowie "Ruhige See mit Fischkuttern" - und eines von seinem jüngeren Bruder Oswald mit dem Titel "Blick auf Florenz". Doch die aufgenommene Spur versandete bereits im Februar 1946 in der Mark Brandenburg, genauer im Sanatorium Hohenlychen, obwohl man sogar um die Namen der die Bilder abtransportierenden Personen wusste.
Aber der Reihe nach. 
Gerade einmal zwei Jahre zuvor waren die kleinformatigen Gemälde überhaupt erst in den Bestand des Suermondt-Museums gelangt, galten aber bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts als feste Größe in der Aachener Kulturlandschaft. Bevor sie im April 1943 für 7000 Reichsmark den Besitzer wechseln sollten, repräsentierten sie als Vertreter der Düsseldorfer Malerschule einen wichtigen Schwerpunkt im hiesigen Reiff-Museum der Technischen Hochschule. Diese nach dem Künstler, Sammler und Stifter Franz Reiff (1835-1902) benannte Universitätssammlung entstand im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts aus privaten Mitteln und umfasste neben nahezu 200 Originalkopien nach Alten Meistern wie Raffael, Tizian, Rembrandt und Rubens zahlreiche Skulpturen und Möbel aus unterschiedlichen Epochen und etwa 75 zeitgenössische Gemälde. Ein spannungsvoller Reigen, wobei sich nach damaliger Auffassung die zeitgenössischen Werke gegenüber den Alten Meistern zu behaupten hatten. Zudem legte Reiff den Geschmackspräferenzen der Zeit entsprechend ein Hauptaugenmerk auf die Genre- und Landschaftsmalerei. In diesem Kontext durften Andreas und Oswald Achenbach nicht fehlen, sagte man ihnen doch ehrfürchtig nach, sie seien das "A und O der Landschaft". Ein schöneres Bonmot hätte nicht kreiert werden können.
Das Reiff-Museum durchlebte in nur wenigen Jahren eine sehr dynamische Entwicklung, die von einer Privat- zur halböffentlichen Lehrsammlung hin zur öffentlichen Schausammlung mit Wechselausstellungen reichte, wodurch sich nicht nur Aufgaben, Ziele und Rezipienten, sondern auch der Ort, die Präsentation sowie die Sammlung beständig änderte. Dazu gehörten gleichermaßen An- und Verkäufe sowie Tauschaktionen und Auslagerungen. Die drei Achenbach-Gemälde blieben hingegen unangetastet - bis 1943. 

 

1546_A_Achenbach_Blick_auf_Antwerpen_von_der_Schelde_aus_gesehen
Andreas Achenbach "Antwerpen von der Schelde aus gesehen"

Im Luftschutzbunker 

Dabei kam es zu einer interessanten Verschränkung: Die Stadt Aachen, vertreten durch Quirin Jansen, erstand durch Vermittlung der Kunsthandlung Anton Creutzer vorm. Lempertz nicht nur diese Bilder von der TH, sondern verlagerte zudem kurz darauf ihren Verwaltungssitz in das nahezu unbeschädigte Reiff-Museum. 
Doch vorab überschlugen sich die Ereignisse: Die dem Suermondt-Museum gerade erst übergebenen Gemälde der Achenbach-Brüder wurden umgehend im "Luftschutzbunker Frankenburg" eingelagert und während der im September 1944 erfolgten Räumung Aachens durch "zwei SS-Führer und Rote-Kreuz-Ärzte Dr. Hess und Dr. Jaedecke" (soweit der Aktenvermerk) in das Sanatorium Hohenlychen, einem Krankenhaus der Waffen-SS, gebracht. Die Anfrage durch das hiesige Amt für Denkmalschutz- und -Pflege beantwortete die dortige Verwaltung des Roten Kreuzes zwar umgehend, aber im Resultat mit einem negativen Bescheid: Die Gebäude wären rechtzeitig vor Einmarsch der Roten Armee "geräumt" worden, und der Aufenthaltsort der beiden Ärzte sei ihnen nicht bekannt. Daraufhin wurde die Akte geschlossen.
Das Wissen um die einzelnen Vorgänge ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass die Kunsthandlung Creutzer unmittelbar nach Kriegsende um Begleichung der noch ausstehenden Vermittlungsprovision bat, wobei es vielfach angewandte Praxis war, diese entweder durch Zuweisung eines der Gemälde oder durch Übereignung von magazinierten Museumsbeständen abzugelten. Welche Regelung in diesem Fall letztlich getroffen wurde, ist bislang ungeklärt, zumal die Gemälde mit Eingang des Briefes aus Hohenlychen vom 11.2.1946 als verschollen gelten. 
Die Chance, eben dieser drei Gemälde überhaupt wieder habhaft zu werden, womit der (im besten Falle) materielle Aspekt, aber auch die Einordnung der Bildsujets sowie deren Anschaulichkeit gemeint ist, verdankt sich allein der erst kürzlich wieder entdeckten, ehemals von der Kunsthandlung Creutzer zur Klärung der Sachlage eingereichten Fotografien der Bilder. Wahrlich ein Glücksfall. 

 

1547_Oswald_Achenbach_Blick_auf_Florenz_in_der_D__mmerung
Oswald Achenbach "Blick auf Florenz in der Dämmerung"

Große Nachfrage

Beide Künstler begegneten nämlich der ungeheuren Nachfrage mit einem festgelegten, dem Wiedererkennungseffekt dienenden Themenrepertoire und verstanden es zudem, den Markt der stimmungsvollen Landschaftsmalerei frühzeitig unter sich aufzuteilen. Die daraus resultierende Omnipräsenz ihre Arbeiten, gepaart mit einer gewissen Einseitigkeit, was Themen und Malduktus anbelangt, führte aber letztlich zu einer Übersättigung des Marktes und drängte die Achenbachs nicht nur von der nationalen sowie internationalen Bühne des Erfolgs, sondern erschwert in gewissen Fällen auch die Zuordnung einzelner Gemälde. So auch bei den aus dem Besitz des Suermondt-Ludwig-Museums stammenden Werken. Zwar finden sich im 1901 angelegten Inventar der Reiff-Sammlung Titel und Maße der betreffenden Bilder notiert, aber aufgrund der zahlreichen sich im Umlauf befindlichen Varianten, in denen zum Beispiel der Blick auf Florenz nur um Nuancen verändert erscheint, gestaltete sich die Zuordnung schwierig. Bisher. Denn nun liegen neben dem jeweiligen "Bild vom Bild" auch Signaturen und Datierungen vor. Nach mehr als einem halben Jahrhundert kann somit die Spur wieder aufgenommen werden, die sich der keinesfalls an Aktualität eingebüßten Frage widmet: "Sind die Gemälde noch vorhanden?"
(Die Autorin ist wissenschaftliche Assistentin am Institut für Kunstgeschichte der RWTH Aachen und Mitarbeiterin im Reiff-Museum.)

spacer spacer spacer spacer spacer spacer spacer
 
spacer spacer spacer spacer spacer