Suermondt-Ludwig-MuseumLogo Suermondt-Ludwig-Museum

Projekte : Schattengalerie der Verlustgemälde ///
Phantom Gallery of the Lost Paintings
: Verlorene "Bilder des Monats" : Zeitungsartikel

 

 


August Macke

Das "Bild des Monats" war eine Serie, die zwischen September 2006 und Juni 2007 in der Aachener Zeitung erschien. Die Artikel schildern außergewöhn- liche Geschichten zu einzelnen Verlustgemäl- den oder geben Ein- blicke in die Probleme, die bei der Forschungs- arbeit auftauchen.

August Macke "Das Gartenrestaurant" ( Link zum Foto auf Wikimedia)

Aachener Zeitung 13.12.2006

Als "entartete Kunst" in Luzern versteigert
Dritter Teil der Serie "Das Bild des Monats": August Mackes herrliches "Gartenrestaurant" befindet sich heute im Museum Bern.

Von Adam C. Oellers

Aachen. Wenn von einem allgemeinen Verlustkatalog der Gemälde der Aachener Museen die Rede ist, darf nicht verschwiegen werden, dass der Verlust fast aller dieser Kunstwerke ein direktes oder indirektes Resultat der verbrecherischen Politik der Nationalsozialisten gewesen ist. Der größte Teil resultierte zwar aus den Folgen eines verlorenen Angriffskrieges - sei es als Diebstahl in Kriegszeiten, sei es als sowjetische Kriegsbeute nach der Auslagerung in Meißen, doch sollte daneben auch daran erinnert werden, dass die Barbarei gegenüber den Zeugnissen der Kultur auch einen besonderen deutschen Stempel trägt: die Säuberung der Museen durch die Aktion "Entartete Kunst". Dieser Aggression gegen die moderne Kunst fielen auch zahlreiche Kunstwerke aus dem Aachener Suermondt-Museum zum Opfer - eines der schönsten war das "Gartenrestaurant" von August Macke.

1927 erworben

Doch beginnen wir zunächst mit Erfreulicherem: dem geglückten Erwerb dieses Meisterwerkes im Jahre 1927. Gemäß der Tradition des Museums, den Sammlungen der alten Kunst Zeugnisse aus der Gegenwart gegenüberzustellen - die Aachener "Brücke"-Ausstellung von 1909 war immerhin die erste Museumspräsentation der Künstlergruppe - lag es nahe, auch von August Macke, dem bedeutendsten Maler der rheinischen Expressionisten, ein repräsentatives Werk zu erwerben und damit zugleich den Stellenwert der Kunst im Westen Deutschlands zu dokumentieren. Selbst in Zeiten knapper Etatmittel - 1927 kündigte sich schon eine Rezession an - bemühte sich nicht zuletzt der Aachener Museumsverein, die Kaufsumme von 8000 Reichsmark zusammenzubringen, um den Macke bei der Düsseldorfer Galerie Flechtheim zu erwerben.Der Förderverein stiftete 2000 Reichsmark, der größere Teil wurde durch den gleichzeitigen Verkauf der Beissel’schen Steinsammlung an das geologische Landesinstitut Berlin beigesteuert. So wurde das farbig wundervolle Bild zu einem Hauptstück der 1930 neu eingerichteten Modernen Galerie des Hauses.
Das 1912 entstandene Gemälde steht für eine Schaffensperiode, in der Macke seinen Farbenreichtum auf die Darstellungen größerer Menschengruppen bei alltäglichen Freizeitvergnügungen ausweitete. Das "Gartenrestaurant" zeigt eine lichtdurchflutete Szene unter dem dichten Dach sommerlicher Bäume. In lockerer Anordnung sieht man Menschen im Gespräch am Tische sitzend oder zusammenstehend, im Vordergrund ein Zeitungsleser, am linken Rand werden vorne ein Hund, dann ein Kellner sowie ein lichtes Gebäude sichtbar.
Schon wenige Jahre später begann der ideologische Kampf der Nazis gegen die Moderne, der sich bis ins beschauliche Aachen auswirkte: Zunächst konnte anlässlich der Aachener Macke-Gedächtnis-Ausstellung von 1935, in deren Zentrum das "Gartenrestaurant" stand, im "Westdeutschen Beobachter" noch über des Künstlers Verwurzelung im heimatlichen Boden sowie über seine Suche nach Tiefe und wahren Werten räsoniert werden. Gleichzeitig aber wurden schon Verfechter der Avantgardekunst entlassen, dann begann die Verfolgung einzelner Künstler. Wenig später sollte die NSDAP-Kreisleitung die heimische Gesinnung rühmen, weil (welch eine Ironie) "unser Suermondt-Museum bei weitem nicht den Ballast an entarteter Kunst besaß, von dem die große Masse der deutschen Museen befreit werden mußte" (1939).
Der genauere Ablauf der Ereignisse im Rahmen der Aktion "Entartete Kunst" ist in Aachen nicht eindeutig zu klären. Auf das Anschreiben der Reichskulturkammer (RKK), dass der museale Besitzstand nicht zu verändern und für die RKK-Beauftragten alle Kataloge und Inventarbücher bereitzustellen seien, antwortete Dr. Kuetgens in einem knappen Schreiben vom 23. August 1937, dass die "Bereinigung bereits durchgeführt" worden sei. Es sei einmal dahingestellt, ob hier ein vorauseilender Gehorsam oder der Schachzug, eine unbeliebte Kommission vom Hause fernzuhalten, anzunehmen ist - als Tatsache bleibt jedoch, dass fast alle modernen Werke der Sammlung - neben Macke auch diejenigen von Davringhausen, Räderscheidt, Bolz, Hofer und Ophey sowie eine Anzahl graphischer Bestände von Barlach über Beckmann bis zu Nauen in die Sammeldepots der Nazis gelangten.
Während alle anderen Kunstwerke wohl weitgehend vernichtet worden sind, hatte das Bild von Macke das Glück zu überleben und einen ausländischen Käufer zu finden: In der berüchtigten Luzerner Versteigerung von 1939, auf der das Nazi-Raubgut zu Geld gemacht werden sollte und auf der die beteiligten Kunsthändler sich zu einer preisdrückenden Vereinbarung verständigten, gelangte das Bild für nur 800 Franken an den Berner Kunstsammler Rupf.
Kurz nach dem Krieg versuchten die Museumsleiter Schüller und Kütgens, das Gemälde über Geldvergütung und Tauschobjekte beziehungsweise mittels einer Bitte um spätere "Vermachung" nach Aachen zurückzuholen. Nachdem der Sammler jedoch auf sein Stiftungsvorhaben an ein schweizerisches Museum verwies, ist in einem nachfolgenden Brief des Museumsdirektors an Mackes Sohn Wolfgang von einer deutschfeindlichen Einstellung dieses "feinsinnigen Sammlers" die Rede (15. August 1953). Aus heutiger Sicht sind Praktiken, welche Täter zu Opfern stilisieren wollten, längst als untaugliche Vergangenheitsbewältigungen erkannt, und so gewinnt die Hoffnung Gestalt, dass das zum Besitz des Berner Kunstmuseums gehörende Gemälde von August Macke anläßlich der geplanten Ausstellung der verlorenen Bilder vielleicht wieder seiner früheren Wirkungsstätte einen leihweisen Besuch abstatten könnte.
(Der Autor ist Mitarbeiter des Suermondt-Ludwig-Museums.)

 

spacer spacer spacer spacer spacer spacer spacer
 
spacer spacer spacer spacer spacer