Suermondt-Ludwig-MuseumLogo Suermondt-Ludwig-Museum

Ausstellungen : Archiv : Archiv 2006

 

 

Große Sprünge - Der "entscheidende“ Moment in der Fotografie

Friedrich Seidenstücker Enrico Caroli, 1951 Friedrich Seidenstücker Wolf Kalischer

17.08. - 12.11.2006

Die Fähigkeit der Fotografie, in Sekundenbruchteilen den ‚entscheidenden’ Augenblick eines Handlungsablaufes zu fixieren, findet in kaum einem anderen Motiv so sehr Verdichtung wie im Bewegungsmoment des ‚Sprungs’. Der Sprung entsteht aus dem Bedürfnis nach einer Veränderung, mit der man sich dem Ungewissen und der neuen Situation des nächsten Augenblicks anvertraut. Dieses Thema hat die Fotografie von jeher fasziniert.

Der Facettenreichtum dieses Sujets bietet in der Ausstellung Gelegenheit zu Begegnungen mit bekannten, aber auch überraschenden Situationen aus der Geschichte der Fotografie. Zur Erzielung lebendiger, ausdrucksstarker Bildschöpfungen hatte sich die Fotografie ständig der Herausforderung zwischen der Dynamik der Bewegung und der statischen Wiedergabe im Einzelbild zu stellen. Mit der technisch neuartigen, seit 1925 hergestellten Kleinbildkamera erschlossen sich in diesem Bereich neue und flexiblere Arbeitsmöglichkeiten. Die Verschlussgeschwindigkeit des Fotoapparates konnte jeden Moment eines Bewegungsablaufes einfrieren. Seit den 1950er und -60er Jahren ist die exakte Wiedergabe der klassischen S/W- Fotografie um verwischte Bewegungsformen oder farbige Experimente erweitert worden.

Zu den frühesten in der Ausstellung gezeigten Arbeiten gehören die fotografischen Sequenzen von Eadweard Muybridge, in dessen additiven Darstellungen von Bewegungsstudien der ‚Sprung’ eine große Rolle spielt. In den 1930er Jahren eröffnete Harold Edgertons elektronische multi-flash Fotografie neue Darstellungsmöglichkeiten der Bewegungsdynamik, die in faszinierenden Aufnahmen des Sprungablaufs fest gehalten sind.

Ein wichtiges Ausstellungskapitel ist den klassischen Bereichen der Tanz- und Sportfotografie gewidmet, deren Bildsprache vor allem ab Mitte der 1920er Jahre neue Impulse für die ‚fotografische Moderne’ setzte. Mit Hans Robertson und Charlotte Rudolph etablierten sich die ersten Spezialisten der Tanzfotografie mit Aufnahmen von großen, weiten, den Raum durchschneidenden Sprüngen. Die aus mehreren Jahrzehnten ausgewählten Sportbilder dokumentieren eindrucksvoll sowohl Momentaufnahmen des Spiels als auch die Anfänge einer spezifischen Sportfotografie. Frühe Beispiele sind die Arbeiten Alexander Rodtschenkos, dessen innovative Bildsprache das visuelle Denken späterer Fotografengenerationen nachhaltig geprägt hat. Mit Lothar Rübelt ist einer der bedeutendsten Sportfotografen der Zwischenkriegszeit vertreten. Die Aufnahmen der Olympiade von 1936 sind in ihrer ungewohnten  Bildsprache zu Ikonen der Sportfotografie geworden wie auch gleichzeitig Dokumente der Zeitgeschichte.

Während im professionellen Sport- und Tanzbereich der ‚Sprung’ Ausdruck einer extremem Körperbeherrschung und einer technisch sicheren Bewegungsführung ist, berichten die flotten Sprünge über ‚Hindernisse des Alltags’ eher von der Spontaneität eines Loslösens vom festen Grund.

Besonders reizvolle Beispiele sind die ‚Pfützenspringerinnen’ von Friedrich Seidenstücker, die mit großer Eleganz die Unannehmlichkeiten des Berliner Wetters meistern. Wie auch bei Henri Cartier-Bresson wird in diesen Fotografien die Bewegung in der Spiegelung des Wassers verdoppelt. Nichts überwinden müssen die weniger dringlich wirkenden Sprünge ins Wasser, in den meisten Fällen Ausdruck unbeschwerter Sorglosigkeit. Besonders der Moment des Eintauchens von einem Element ins andere ist für die Fotografen von großer Faszination gewesen, wovon die große Anzahl dieser Aufnahmen zeugt.

Je nach räumlicher Ausrichtung des ‚Sprungs’ eröffnen sich für den Springenden immer neue Perspektiven. In der fotografischen Darstellung von Alltagssituationen besitzen manche Sprünge durchaus kuriose Ausprägungen und mitunter muss die Welt sogar kopfüber wahrgenommen werden. Bei anderen Fotografen wird der veranlasste ‚Sprung’ selbst zum Kunstmotiv. Philippe Halsman nutzt die starke Konzentration des Springenden auf sein Tun für eine Reihe außergewöhnlicher Porträts. 

Unter dem dokumentarischen Aspekt der Fotografie betrachtet, zeigt die Ausstellung schließlich auch, wie ein einziger Sprung, - der eines Volkspolizisten 1961 in den Westen -, die Ausrichtung eines ganzen Lebens ändern kann.

Die rund 100 ausgestellten Bilder sind Leihgaben aus Privatbesitz, von renommierten fotografischen Sammlungen, Museen und Galerien sowie von Magnum Photos Paris.

Die Ausstellung wurde unterstützt von der Sparkasse Aachen.

Ausstellungseröffnung:  Mittwoch, 16. August 2006, 19.30 Uhr

spacer spacer spacer spacer spacer spacer spacer
 
spacer spacer spacer spacer spacer